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DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

24-11-2020 10:01
SXEU31 DWAV 240800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 24.11.2020 um 08 UTC


GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: HM (Hoch Mitteleuropa), Übergang zu SWa (Südwest antizyklonal)

Teils tristes, teils sonniges, auf alle Fälle aber ziemlich langweiliges
Endnovemberwetter antizyklonaler Couleur. Einzig im Norden ein paar zyklonale
Nadelstiche.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 24 UTC
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Dienstag... Die gute Nachricht für alle geneigten Leserinnen und Leser dieses
Bulletins, die sich über das Wetter hinaus auch für die schönste Nebensache der
Welt interessieren (es soll nicht Wenige davon geben): Heute Abend gibt´s kein
Länderspiel. Genau eine Woche ist es her, dass Jogis Eleven von den Iberern nach
allen Regeln der Kunst mit dem Nasenring durch die Manege gezogen wurden. Doch
wo eine gute Nachricht, da eine schlechte nicht fern. Fans und Anhänger von
Vollwetter - und jetzt sind wir beim eigentlichen Thema dieser Übersicht -
kommen derzeit so was von überhaupt nicht auf ihre Kosten, und wie es aktuell
aussieht, wird dieser Zustand auch erst noch eine Zeit lang andauern.

Hauptimpulsgeber (sofern man angesichts des derzeit trägen Ambientes überhaupt
von "Impuls" sprechen kann) der aktuellen Großwetterlage ist ein breiter
Höhenrücken über Mitteleuropa, der mit dem leicht nach Osten versetzten
Bodenhoch VALENTIN korrespondiert. Flankiert wird der Rücken von zwei Trögen
über dem nahen Osteuropa sowie dem nahen Ostatlantik. Letzterer vergrößert im
Laufe des heutigen Tages kontinuierlich seine Amplitude, was auf Kosten seiner
Wellenlänge geht. Stromab amplifiziert sich auch der Rücken zusehends, ohne
dabei nennenswert nach Osten voranzukommen. Mit anderen Worten, Absinken und
Grenzschichtmeteorologie sind Trumpf. Die obligatorische Absinkinversion liegt
derzeit noch relativ hoch (teils über 1000 m), wird aber in den nächsten Stunden
sukzessive nach unten gedrückt. Entsprechend wird die feuchte Grenzschicht, die
aktuell mit reichlich Nebel und Hochnebel gefüllt ist, gestaucht. Nützen tut das
vor allem den Hochlagen der meisten Mittelgebirge sowie dem höheren
Alpenvorland, wo sich heute - wenn auch nicht immer von Anfang an - die Sonne
die Ehre gibt.
Neben dem Absinken taucht aber noch ein zweiter Mechanismus auf, der den
lästigen Grautönen an den Kragen will. So lebt auf der West-Nordwestflanke des
mit seinem Schwerpunkt gen Rumänien wandernden Bodenhochs der südliche Wind in
der Mitte und im Norden soweit auf, dass im Lee der Mittelgebirge (vor allem
Erzgebirge und die westlichen Mittelgebirge) Nebel und Hochnebel mehr und mehr
weggefräst werden und sich die Lücken immer weiter nach Norden ausweiten. Weit
weniger optimistisch sieht es im Luv der Mittelgebirge sowie z.B. in den
Donauniederungen aus, wo man sich eher auf ganztägiges Dauergrau einstellen
sollte.
Einen leicht zyklonalen Einschlag gilt es für Norddeutschland zu vermelden, wo
man nicht nur am dichtesten an der Frontalzone liegt, sondern auch ein wenig vom
Doppeltief TANJA (zwischen Island, Schottland und Norwegen) gepiesackt wird. Zum
einen bedingt den Höhenrücken überlaufende WLA die Zufuhr mehrschichtiger
Bewölkung, aus der es aber allenfalls vereinzelt etwas nieselt. Zum anderen ist
der Druckgradient vorübergehend so üppig ausgestattet, dass der Süd-Südwestwind
an der Nordsee sowie exponiert an der Ostsee die ein oder andere steife Böe 7
Bft zustande bringt. Auf dem Brockenplateau reicht es gar - was Wunder - für
stürmische Böen 8 Bft. Am Nachmittag und Abend lässt der Wind dann allgemein
nach.
Bis zum Abend steigt die 850-hPa-Temperatur auf rund 1°C in SH und dem Hamburger
Raum sowie bis zu 8°C am Hochrhein und im südlichen Alpenvorland. Klar, dass
diese Werte zu dieser Jahreszeit und den genannten Rahmenbedingungen nicht die
übliche Projektion auf die 2m-Temperaturen erlauben. So wird man sich im
Dauergrau mit wenigen Graden über dem Gefrierpunkt begnügen müssen, während man
sich am Nordrand der westlichen Mittelgebirge auf 11/12°C freuen kann.

In der Nacht zum Mittwoch verlagert sich die Achse des Höhenrückens geringfügig
nach Osten, was den Vorhersageraum zunehmend unter eine schwache und stark
antizyklonal konturierte südwestliche Höhenströmung bringt. Die damit
einhergehende niedertroposphärische Erwärmung (T850 landesweit 5-8°C) verschärft
die Inversion, die zudem noch etwas weiter nach unten gedrückt wird auf etwa 800
bis 500 m. Darüber präsentiert sich die Nacht häufig wolkenlos, lediglich im
flachen Norddeutschland tauchen weiterhin einige WLA-getriggerte hohe und
mittelhohe Wolken auf.
Ansonsten breiten sich in der feuchten Grundschicht erneut Nebel und Hochnebel
aus respektive bilden sich neu. Während es Norden und Westen meist frostfrei
bleibt, kühlt es in der Südosthälfte vielerorts auf etwas unter 0°C, an den
Alpen und im südlichen Vorland sowie im Bayerischen Wald stellenweise bis in den
mäßigen Frostbereich um -5°C ab. Hier und da kann sich Reifglätte bzw. im Nebel
gefrierende Nässe bilden, ein progressives Warnmanagement ist diesbezüglich aber
nicht zu erwarten.
Bedingt durch Low-Level-Effekte kann der östliche bis südliche Wind in einigen
Kammlagen der Mittelgebirge spürbar auffrischen, ansonsten taugt das Thema
Luftbewegung nicht für Schlagzeilen.

Mittwoch... wird der Trog über dem nahen Ostatlantik immer schmaler und länger,
was unweigerlich auf einen bevorstehenden Abtropfprozess hindeutet. Nun,
tagsüber wird es dafür höchstwahrscheinlich noch nicht reichen, was uns aber
auch vollkommen schnuppe sein kann. Wir verbringen den morgigen Mittwoch im oder
besser unter dem immer noch sehr präsenten Höhenrücken, der sich in seinem
Westteil sogar etwas regeneriert.
Bodennah passiert auch nicht allzu viel: Über Rumänien Hoch VALENTIN, über der
Norwegischen See Mehrfachtief TANJA mit Rinne bis zur Iberischen Halbinsel. Für
Deutschland bedeutet das eine schwache bis mäßige südliche Grundströmung (im
Süden eher um Ost), die uns klassisches "Teils-Teils-Wetter" bringt. Zwar ist
die feuchte Grundschicht nur wenige hundert Meter mächtig, was Ende November
aber vollkommen ausreicht, einigen Regionen ganztägiges Grau in Form von
Nebel/Hochnebel und Temperaturen im unteren einstelligen Plusbereich zu
garantieren. Besser stehen sich die höheren Lagen der Mittelgebirge, das höhere
Alpenvorland sowie die Leegebiete des zentralen Mittelgebirgsraums, wo sich
häufig die Sonne zeigt bzw. Nebel und Hochnebel sich meist auflösen. Am wärmsten
wird es in NRW sowie in einigen Hochlagen Süddeutschlands (um 800/900 m herum,
sprich, voll in der Inversion), wo Werte im unteren zweistelligen Bereich
erwartet werden. Bliebe noch Norddeutschland, das mit einer Mischung aus
Restbewölkung und einigen Lücken bis hin zu sonnigen Abschnitte aufwartet, wobei
es durchweg trocken bleibt.
Der Wind bleibt weiterhin unterrepräsentiert, einzig in einigen exponierten
Hochlagen könnte der Wind mal böig aufmucken und im sächsischen Elbtal sowie im
Lausitzer Bergland könnte der Böhmische Wind etwas an Fahrt aufnehmen (Böen 7
Bft aus Südosten).

In der Nacht zum Donnerstag tropft der Trog westlich der Iberischen Halbinsel ab
und das nördliche Residuum erreicht mit stark positiv geneigter Achse die
Nordsee. Der Resttrog inkludiert eine Kaltfront, die sich leicht wellend und
durch das Cut-Off-Tief (bzw. dessen Pendant am Boden) gebremst der deutschen
Nordseeküste nähert. Präfrontal ziehen nicht nur mehrschichtige Wolken nach
Nordwestdeutschland rein, in der zweiten Nachthälfte könnte es zwischen Leer und
Flensburg sogar ein paar Tropfen Regen geben.
Im großen Rest des Landes bleibt das Wettergeschehen sehr konservativ geprägt.
Heißt weiterhin Hochdruckeinfluss mit Grenzschichtmeteorologie, heißt
Ausbreitung und Bildung von Nebel und Hochnebel, heißt vor allem im Süden und in
der Mitte sowie in Teilen Ostdeutschlands leichter, an den Alpen sowie im
Bayerischen Wald örtlich mäßiger Frost. Vereinzelt kann es glatt werden durch
Reif oder gefrierendes Nebelnässen.

Donnerstag... kommt die o.e. Kaltfront nach Lesart von ICON kaum landeinwärts
voran. Einer der Hauptgründe ist das Trogresiduum, das alles andere als
progressiv ist. Stattdessen kippt die Achse im Uhrzeigersinn, was
gleichbedeutend damit ist, dass der Trog eine zunehmend zonale Ausrichtung
annimmt und spätabends bzw. in der Nacht über der Nordsee sogar abtropft. Neben
der Exposition des Troges wirken auch das Hoch über Südosteuropa sowie das Tief
vor Portugal als Bremsklötze, so dass sich frontale Regenfälle leichter Natur im
Wesentlichen auf die Küste und das küstennahe Binnenland fokussieren, während es
die zugehörige starke Bewölkung bis weit in die Norddeutsche Tiefebene schafft.
Mit etwas Glück reißt die Wolkendecke in der postfrontal einsickernden
subpolaren Meeresluft (T850 um 0°C) im äußersten Norden im Tagesverlauf auf.
In der Mitte und Süden ist zwar eine merkliche Abflachung des Potenzialrückens
erkennbar, trotzdem bleibt das Geschehen antizyklonal geprägt. Deutlich wird der
Hochdruckfluss auch durch einen ausgeprägten Bodenkeil, der sich ausgehend vom
Zentrum über Rumänien und der Ukraine bis nach Benelux und in den Osten
Frankreichs erstreckt. Wettertechnisch bedeutet das business as usual, meint, in
den Niederungen häufig bedeckt oder neblig trüb, in höheren Lagen sowie auf den
Nordseiten der Mittelgebirge dagegen sonnig oder nur locker bewölkt. Während im
Südosten bei zähem Nebel punktuell ein Eistag droht (Tmax unter 0°C), stehen im
Westen und Nordwesten gebietsweise Höchstwerte von rund 10°C auf der Karte. Der
Wind spielt keine Rolle, im Gegenteil, summa summarum kommt er noch schlaffer
daher als die Tage zuvor.

In der Nacht zum Freitag wird es der Kaltfront wahrscheinlich nicht gelingen,
substanziell nach Süden vorzustoßen. Wie auch, wenn frontsenkrechte
Windkomponenten gesamttroposphärisch vergeblich gesucht werden und stattdessen
eher eine Rückläufigkeit angestrebt wird. Kurzum, im Norden fällt gebietsweise
noch etwas Regen, die Mitte und der Süden bleiben wahrscheinlich unangetastet
mit viel Nebel und Hochnebel in den Niederungen und einem sternenklaren Himmel
in den Hochlagen. Dazu gibt es im Süden und Südosten leichten, an den Alpen
sowie im Bayerischen Wald lokal auch mäßigen Frost.

Modellvergleich und -einschätzung
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Im Grunde sind sich die Modelle einig. Allerdings gibt es für den Donnerstag
nicht wegzudiskutierende Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Kaltfront,
die insbesondere bei GFS, bedingt auch bei IFS progressiver simuliert wird. So
kommt der frontale Regen laut GFS spätestens in der Nacht zum Freitag bis in die
mittleren Landesteile voran, weil das Trogresiduum landeinwärts nach Südosten
schwenkt und nicht über der Nordsee abtropft. IFS hingegen scheint sich
allmählich der ICON-Lösung anzunähern, was ein Indiz für die Defensivvariante
sein kann. Warnrelevant ist das Ganze so oder so nicht.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann
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