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DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

30-10-2020 09:01
SXEU31 DWAV 300800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 30.10.2020 um 08 UTC


GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Übergang von W/NWz (West bzw. Nordwest zyklonal) zu SWz (Südwest zyklonal)

Wechselhafter und milder bis sehr milder Monatswechsel mit samstäglichen
Zwischenhocheinfluss. Nur bedingte Warnerregung.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 24 UTC
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Freitag... befindet sich Deutschland auf der warmen Seite der Frontalzone, die
sich mäßig mäandrierend von Kanada über den mittleren Nordatlantik hinweg bis
zum europäischen Kontinent erstreckt. Dabei ist über dem Atlantik ein breiter
ausgelatschter Trog zu erkennen, wohingegen Mitteleuropa unter einem Rücken
liegt. Dieser ist das Resultat kräftiger und weit nach Osten ausgreifender WLA
auf der Vorderseite des Troges. Während der Trog im Laufe des Tages unter
allmählicher Verschärfung ostwärts vorankommt und zum Datumswechsel knapp
westlich von Irland anlandet, macht der Rücken nur in infinitesimalen Dosen
Boden nach Osten hin gut. Oder anders ausgedrückt, bis Mitternacht schafft er es
gerade, sich von unseren unmittelbaren westlichen Nachbarn bis zu uns zu
bequemen. Die WLA, die anfangs noch durchaus kraftvoll über den Rücken
hinwegläuft, schwächt sich dabei mehr und mehr ab.
Das hat freilich Folgen für den Wetterablauf in Deutschland, der ja in nicht
unerheblichem Maße von genau dieser WLA bestimmt wird. Dabei lohnt es sich
zunächst mal einen sorgfältigen Blick auf die Bodendruckverteilung zu werfen.
Dort überrascht es wenig, das auf der kalten Seite der Frontalzone über dem
Atlantik regelrechte Heerscharen an Tiefdruckgebieten oder Wellen unterwegs
sind. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang ist zunächst mal das
hochreichende Zentraltief Ex-EPSILON am Südrand der Irminger See, das wiederholt
kleinere Tiefs und Wellen gegen den Uhrzeigersinn um seine Drehachse steuert.
Das für uns relevanteste dieser Tiefs heute ist MAROLA, das heute Nacht 00 UTC
mit einem Kerndruck von etwas unter 985 hPa nördlich der Hebriden analysiert
werden konnte. Es zieht in den nächsten Stunden vor die Ostküste Islands, wobei
es sich noch um ein paar Hektopascal vertieft.
Bei uns macht sich MAROLA vor allem durch das zugehörige Frontensystem
bemerkbar. Die Warmfront hat bereits weite Teile des Vorhersageraums hinter sich
gelassen und wird bis zum Mittag auch doch den Nordosten passieren. Die
Kaltfront verweilt aufgrund von Wellenbildungen stromauf noch längere Zeit über
der Nordsee, so dass wir schlussendlich in den breiten Warmsektor kommen. Mit
südwestlicher Bodenströmung gelangt milde Biskayaluft zu uns (heute früh außer
im Osten und Nordosten verbreitet zweistellige Temperaturen), während
niedertroposphärisch die Erwärmung aufgrund der dort auftretenden westlichen bis
nordwestlichen Windkomponente gar nicht mal so üppig ausfällt (T850 4-8°C).
Wie auch immer, Fakt ist, dass die Luftmasse im Süden und Südwesten beginnt, mit
Ausnahme der Grundschicht immer weiter abzutrocknen. Unterstützt wird das
Prozedere durch das über Südwesteuropa positionierte Hoch PIT (wer immer es
gekauft hat, der Brad war´s nicht), das seine Fühler von Frankreich her
zunehmend nach Süddeutschland ausstreckt. Folglich bröselt die Wolkendecke vom,
Elsass, der Schweiz und Österreich her allmählich auf und der äußerste Süden
kann sich Hoffnung auf ein paar nachmittägliche Sonnenstunden machen. Im großen
Rest des Landes bleibt es heute aber bei weitgehend geschlossener Bewölkung und
insbesondere im Osten und Norden sowie in der östlichen Mitte regnet oder
nieselt es (ja, ja, auch im Warmsektor kann es entgegen früherer Lehrmeinungen
regnen). Akkumuliert über 12 h fällt der meiste Niederschlag im Stau von Harz
und Erzgebirge, wo lokal 10 bis 20 l/qm zusammenkommen sollen, auch wenn die
derzeit beobachteten Stundensummen nicht unbedingt darauf schließen lassen (=>
evtl. vorzeitige Aufhebung der Warnungen). In den meisten Regionen liegt das
Quantum aber darunter (gebietsweise 5-10 l/qm) und von der Nordsee hört es
bereits jetzt schon auf zu regnen.
Der südwestliche Wind muckt zwar über Vormittag und Mittag etwas auf, die große
Nummer wird das aber nicht. In tiefen Lagen reicht es kaum für Windstärke 7 Bft,
selbst an der Nordsee sind Böen dieser Quantität nicht gerade hochfrequent
vertreten. So bleibt lediglich das höhere und vor allem exponierte Bergland
einigermaßen prominent vertreten mit Böen 7-8 Bft, Kuppen und Gipfel vereinzelt
9 Bft, Brocken bis 10 Bft, Tendenz ab den Nachmittag abnehmend. Die Temperatur
geht hoch auf 11 bis 15°C, im Westen und Südwesten bis 17°C und im Raum Basel
sowie am Hochrhein/Bodensee mit Hilfe der Sonne punktuell vielleicht sogar auf
19°C.

In der Nacht zum Samstag steigt der Luftdruck weiter an, was a) dem Kollegen PIT
die Gelegenheit bietet, sich bei uns noch etwas weiter nach Norden auszudehnen
und b) den Gradienten weiter aufweicht. Somit spielt der Wind mit Ausnahme
einiger weniger exponierter Hochlagen keine Rolle mehr. Dafür rückt in den
Gebieten, wo die Wolkendecke aufreißt, das Thema Nebel in den Fokus.
Insbesondere in den Niederungen Süd- und Südwestdeutschlands, aber auch im
äußersten Norden, hinter der etwas nach Süden rutschenden Kaltfront, dürfte es
zu Sichtbeeinträchtigungen kommen. Allerdings muss man auch sagen, dass die
Modelle weniger Nebel simulieren als das gestern noch der Fall war.
Ansonsten fällt im Osten und Norden weiterer Regen, der in der zweiten
Nachthälfte aber nachlässt bzw. sich zunehmend in den Nordosten zurückzieht. In
den Staulagen von Harz und Erzgebirge sind bei niedertroposphärisch weiterhin
nordwestlicher Anströmung lokal noch mal um 10 l/qm innert 12 h drin.


Samstag... wandert der Höhenrücken unter Verkürzung seiner Wellenlänge ganz
langsam über den Vorhersageraum nach Osten. Gleichzeitig erreicht der o.e.
Höhentrog UK/Irland, um von dort später unter Konturverlust die Nordsee
anzusteuern. Bei uns dreht damit die Höhenströmung allmählich auf Südwest, was
vor allem der unteren Troposphäre einen merklichen Temperaturanstieg bringt. So
steigt die 850-hPa-Temperatur bis zum Abend auf satte 9 bis 14°C, einzig
zwischen Ostsachsen und der Ostsee bleiben die Werte etwas darunter.
Ansonsten gilt es zu konstatieren, dass über dem nahen Ostatlantik inzwischen
ein neues, aus einer flachen Welle hervorgegangenes Tief namens NINA das Heft
des Handelns in die Hand genommen hat. Es streift morgen Mittag mit etwas unter
975 hPa die Hebriden, um von dort weiter nach Norden zu ziehen. Für uns bedeutet
das, dass wir den letzten Oktobertag ähnlich wie heute in einem Warmsektor
verbringen, der aber - obwohl das Hoch PIT durch Druckfall etwas an Substanz
verliert - deutlich antizyklonaler aufgestellt ist. Wettertechnisch bedeutet das
insbesondere in der Südwesthälfte einen sonnigen oder zumindest heiteren (also
mit lockeren Wolken versehen) Tag, wenn man die zum Teil zähen Nebelfelder
subtrahiert. Je weiter man nach Norden und Osten kommt, umso mehr sinken die
Chancen auf Sonnenschein. Vor allem ost-nordöstlich der Elbe sollte die
Erwartungshaltung diesbezüglich nicht zu hochgeschraubt werden, dort kann es am
Vormittag gebietsweise sogar noch etwas regnen oder nieseln.
Der Wind legt tagsüber erst mal eine Pause ein, bevor er am Nachmittag und Abend
mit Annäherung der Kaltfront sutsche piano aus seiner Lethargie erwacht und
zumindest im Westen und Nordwesten ein paar Nadelstiche setzt. Für warnwürdige
Böen reicht es aber kaum, lediglich auf der Nordsee sowie in einigen Hochlagen
reicht es für Böen 7 Bft, auf dem Brocken 8 Bft. Der Oktober verabschiedet sich
- passend zum klimatologischen Monatsmittel - mild mit Höchstwerten von 13 bis
19°C, bei zähem Nebel etwas darunter.

Am Abend bzw. in der Nacht zum Sonntag greift die Kaltfront auf den Nordwesten
über und kommt etwa bis zur westlichen Mitte voran, bevor sie durch eine flache
Welle stromauf ausgebremst wird. Der zugehörige, häufig schauerartige Regen
verteilt sich auf weite Teile der Nordwesthälfte, ohne dass dabei aber große
Summen zusammenkommen. Im Süden und Südosten bildet sich bei andauerndem
leichten Hochdruckeinfluss gebietsweise Nebel, an den Alpen sinkt die Temperatur
lokal in Gefrierpunktnähe.
Der Wind frischt vor allem an und auf der Nordsee vorübergehend stark bis
stürmisch auf, bevor der Gradient postfrontal aufweicht, so dass etwaige
Warnungen in der zweiten Nachthälfte bereits wieder auslaufen können. Im
Binnenland fokussieren sich warnwürdige Böen nach wie vor auf höhere Lagen (7-8
Bft, Brocken 9 Bft), selbst mit Frontdurchgang sind 7er-Böen in den Niederungen
nur gering wahrscheinlich.

Sonntag... zonalisiert die Frontalzone über dem Ostatlantik vorübergehend.
Deutschland gelangt unter den diffluenten Ausgang, wo kurzwellige Troganteile
einen zusätzlichen Hebungsantrieb leisten. Derweil geht das muntere Treiben auf
dem Ost- und Nordostatlantik weiter. Ein Tief jagt das nächste, eine Welle die
andere, so dass man trotz geschulten Blickes schnell mal die Übersicht verlieren
kann. Mit dabei auch der ehemalige Tropensturm ZETA, der wahrscheinlich aber von
einem anderen Tief "geschluckt" wird und diesem dabei einen nicht unerheblichen
Push gibt. ICON jedenfalls sieht dieses Tief (das heute noch unscheinbar über
der Labradorsee liegt) Sonntagmittag mit rund 950 hPa Kerndruck bei 18°W/59°N,
also nordwestlich von Schottland, die externen Modelle liegen etwas weiter
östlich.
Wie auch immer, bei uns gestaltet sich der erste November unbeständig aber mild.
Zwar schwächt sich die über der Mitte schleifende Kaltfront rein thermisch
betrachtet mehr und mehr ab, wetterwirksam bleibt sie aber allemal, wobei
wahrscheinlich auch eine von Südwest nach Nordost durchziehende flache Welle
ihren Beitrag leistet. So soll es vornehmlich in einem von RP und Nordbaden über
Franken und Thüringen bis hinüber nach Sachsen und BB reichenden Korridor ganz
ordentlich regnen mit Mengen bis 15 l/qm innert 12 h, in Staulagen auch mehr.
Allerdings ist diese Sichtweise von ICON exklusiv, die externen Modelle
simulieren defensiver (nachdem gestern IFS noch die Nase vorne hatte).
Während die Kaltfront in der Mitte also ums Überleben ringt, nähert sich von der
Nordsee bereits das nächste Frontensystem, das am Abend und in der Nacht zum
Montag den nächsten Regen heranbefördert. Derweil bleibt es im äußersten Süden
tagsüber und wohl auch noch in der Nacht trocken, wobei die Chancen auf
Sonnenschein in Alpennähe am besten stehen. Der südwestliche Wind nimmt im
Tagesverlauf einen neuerlichen Anlauf, sich in Szene zu setzen, was - Geschichte
wiederholt sich - am ehesten an und auf der Nordsee sowie im Bergland gelingt
mit Böen 7-8 Bft, Brocken bis zu 10 Bft. Wann und inwieweit überhaupt 7er-Böen
auch in tieferen Lagen auftreten, steht noch nicht ganz fest. Wenn, dann am
ehesten im nordseenahen Binnenland sowie in Leelagen der zentralen
Mittelgebirge.
Mit 13 bis 18°C, im äußersten Süden lokal 19 oder gar 20°C startet der November
wie der Oktober aufgehört hat, nämlich mild bis sehr mild. Und in der Nacht zum
Montag nimmt die Warmluftzufuhr sogar noch zu (T850 verbreitet 10 bis 13°C), so
dass bei guter Durchmischung im Westen und Nordwesten Frühtemperaturen von 14
bis 17°C auf der Karte stehen. Das wäre dann wärmer, als man den Abend zuvor in
die Nacht gestartet ist!

Modellvergleich und -einschätzung
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Die Basisfelder werden von den Modellen sehr ähnlich simuliert. Selbst das
zyklonale Gewusel auf dem Atlantik hält die Numerik auf einigermaßen geordneten
Bahnen. Unsicher ist weiterhin die Niederschlagsprognose für den kommenden
Sonntag.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann
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