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DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

27-10-2020 08:01
SXEU31 DWAV 270800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 27.10.2020 um 08 UTC


GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Wz
Unbeständige Westwetterlage; vor allem auf den Bergen, zeitweise aber auch an
den Küsten stürmische Böen oder Sturmböen. Immer wieder Regen oder Schauer,
bevorzugt im Norden auch kurze Gewitter.

Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 24 UTC
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Dienstag... wird die Geopotenzialverteilung über dem nordatlantischen Raum
dominiert von einem umfangreichen und hochreichenden zentralsteuernden, aus dem
ehemaligen Tropensturm "EPSILON" hervorgegangenen Orkantief mit Drehzentrum
südlich von Island. An dessen West- bzw. Südwestflanke führt kräftige KLA zu
einer Austrogung Richtung Britische Inseln. Diesem Trog ist ein durch die
markante trogvorderseitige WLA gestützter Höhenrücken vorgeschaltet, der zum
Abend hin auf die Nordsee übergreift.
Das Vorhersagegebiet befindet sich hingegen zunächst noch im Einflussbereich
eines dem Höhenrücken vorlaufenden Kurzwellentroges. Dieser ist über Norditalien
ausgetropft, was dort auch im Bodenfeld eine Zyklogenese generiert hat. Die
Achse des Resttroges hat derweil den Westen Deutschlands erreicht, so dass sich
im Südosten eine Gegenstromlage einstellen konnte mit einer südwestlichen
Höhenströmung und einen dorthin vorstoßenden Keil im Bodenfeld, der für eine
nördliche Grundströmung sorgt. Die Folge sind anhaltende Niederschläge an den
Alpen und im Alpenvorland, die mit dem Vorstoß Meeresluft polaren Ursprungs
(T850 hPa dort aktuell bei -1 Grad oder knapp darunter) bis in höher gelegene
Täler bzw. ins höhere Alpenvorland (ca. 700 bis 900m) in Schnee übergegangen
sind. Im Laufe des Vormittags kommt die Gegenstromlage mit Annäherung des
Troges zum Erliegen und die Niederschläge dort klingen rasch ab.
Im Bereich der Trogachse ist die Luftmasse indifferent, vor allem über der
verhältnismäßig warmen Nordsee auch hochreichend labil geschichtet, wobei auch
etwas Cape generiert werden kann. Das reicht für einzelne Schauer, in erster
Linie über der Nordsee und später der Ostsee auch für kurze Gewitter (mit Böen
Bft 7 bis 8), die im Tagesverlauf eventuell auf das angrenzende Festland
übergreifen können. Mit Annäherung des Rückens wird der Trog allerdings durch
die zunehmende WLA zugeschüttet und verlagert sich zudem noch unter weiteren
Amplitudenverlust ostnordostwärts, so dass die Schauer- und erst recht
Gewittertätigkeit zum Nachmittag bzw. Abend hin endgültig zum Erliegen kommen
dürfte.
Dann gilt es, den Blick Richtung Westen zu richten. Entlang des okkludierenden
Frontensystems des sich zunächst nur zögernd auffüllenden Orkantiefs, das sein
Drehzentrum ein wenig nach Osten verlagert, kommt es am späten Nachmittag bzw.
Abend vor der schottischen Nordseeküste etwa im Bereich des Okklusionspunktes zu
einer Teiltiefbildung. Die Warmfront des Tiefs greift in den Abendstunden auf
den Ärmelkanal über. Vorderseitig verschärft sich der Gradient deutlich, was
sich im weiteren Verlauf auch im Vorhersagegebiet bemerkbar macht. Der
Südwestwind dreht am Nachmittag und Abend im Westen allmählich auf Süd bis
Südwest zurück. Er weht bereits tagsüber vor allem im Westen, Nordwesten und
über der Nordsee lebhaft, im Nordseeumfeld und in Schauernähe mit steifen, an
exponierten Küstenabschnitten auch mit stürmischen Böen (Bft 7 bis 8).
Stürmische Böen gibt es auch in den Gipfellagen einiger Mittelgebirge, auf dem
Brocken muss mit Sturmböen (Bft 9) gerechnet werden. Zum Abend hin nimmt er mit
zunehmender Stabilisierung in den Niederungen eher etwas ab, in den westlichen
Mittelgebirgen legt er dagegen bereits aufgrund der Gradientverschärfung zu.
Vor allem im Süden und Osten sowie an den Nordrändern einiger Mittelgebirge
können die Wolken vorübergehend mal stärker auflockern, ehe sie im Westen mit
Frontannäherung wieder dichter werden. Die Höchstwerte liegen meist zwischen 8
und 13 Grad, mit etwas Sonne auch knapp darüber.

In der Nacht zum Mittwoch schwenkt der Höhenrücken unter Substanzverlust rasch
über das Vorhersagegebiet hinweg nordostwärts und ein anfangs noch scharf
konturierter Kurzwellentrog greift von den Britischen Inseln auf die nördliche
Nordsee über. Ihm folgt ein breiter angelegter Trog, der sich morgens über
England und der südwestlichen Nordsee befindet.
Das Teiltief über der nordwestlichen Nordsee kommt nur zögernd nordostwärts,
etwa bis zu den Orkney-Inseln voran, das mit einer kräftigen Schubkomponente
ausgestattete okkludierende Frontensystem verlagert sich dagegen rasch ostwärts,
greift auf das Vorhersagegebiet über und erreicht Mittwochfrüh bereits in etwa
eine Linie Mecklenburg-Schwarzwald. Dabei gibt es mit Frontpassage verbreitet
schauerartige Regenfälle, die allerdings nicht allzu üppig ausfallen, da die
Front von KLA überlaufen wird und an Wetterwirksamkeit verliert. Lediglich in
den Staulagen der westlichen und zentralen Mittelgebirge fallen mehr als 5 mm in
12 Stunden.
Von Warnrelevanz ist allerdings der Wind. Mit Frontannäherung verschärft sich
der Gradient deutlich, mit deren Passage wird der Höhepunkt der Windentwicklung
erwartet. Vor allem im Bereich der westlichen und zentralen Mittelgebirge gibt
es steife bis stürmische Böen aus südlichen Richtungen, die in einigen Lee-Lagen
(z.B. Raum Aachen) auch bis in die Niederungen reichen. Auf einigen exponierten
Gipfeln (Ausnahme: ostbayerische Mittelgebirge und Alpen) gibt es Sturmböen, auf
dem Brocken schwere Sturmböen, vorübergehend auch orkanartige Böen. An den
Küsten muss verbreitet mit steifen bis stürmischen Böen gerechnet werden,
zunächst aus Süd, mit Frontpassage aus Südwest, wobei es im Nordseeumfeld dann
auch Sturmböen geben kann. Postfrontal beginnt der Gradient aufzufächern und der
Wind nimmt ab.
Von Ostvorpommern bis zum Erzgebirge sowie in Südostbayern bleibt es noch
trocken. Vor allem im Südosten ist der Himmel präfrontal noch längere Zeit
gering bewölkt, wobei sich Nebel bilden kann. MOSMIX simuliert in Niederbayern
und in Teilen Oberbayerns auch leichten Frost, ansonsten bleibt es aber
frostfrei und im Nordwesten bzw. Westen bei Tiefstwerten um 10 Grad auch mild.

Mittwoch... verlagert sich der Kurzwellentrog unter Wellenlängengewinn Richtung
Norwegische See. Weiter südlich weitet sich der breit angelegte Höhentrog mit
Hilfe einiger kurzwelliger Anteile allmählich über die Nordsee Richtung
westliches Mitteleuropa aus. Ein erster Kurzwellentrog greift dabei am
Nachmittag auf den Nordwesten des Vorhersagegebiets über und führt zu einem
Aufleben der Schauertätigkeit. Im Fokus steht dabei erneut das Nordseeumfeld, wo
die Luftmasse bis auf etwa 450 hPa deutlich labilisiert (T500 hPa abends um -28
Grad, T850 hPa um 0 Grad) und auch etwas Cape generiert werden kann. Die Folge
sind einzelne Gewitter, die eventuell (zumindest nach Lesart des C-D2) auch das
nordwestdeutsche, abends vielleicht sogar das westdeutsche Binnenland erfassen
können. Bei markanter Scherung können diese linienförmig organisiert sein und
von stürmischen Böen begleitet werden.
Ansonsten hat die Okklusion bis mittags mit weiterhin nur leichten Regenfällen
auch die Osthälfte überquert. Dahinter lockern die Wolken erst einmal wieder
stärker auf und es gibt kaum mehr Schauer, vielerorts bleibt es trocken. Der
Gradient fächert nach Abzug der Front nur vorübergehend etwas auf, verschärft
sich aber wieder mit Annäherung des Troges etwas, so dass der Wind - mit
Unterstützung durch den Tagesgang, vor allem in den westlichen, nordwestlichen
und mittleren Landesteilen wieder aus Südwest auffrischt. In freien Lagen,
spätnachmittags und abends dann auch in Schauernähe, kann es dort steife Böen
geben, im Nordseeumfeld eventuell auch stürmische Böen. In den Kamm- und
Gipfellagen der Mittelgebirge gibt es häufiger stürmische Böen, auf exponierten
Gipfeln Sturmböen.
Innerhalb der gut durchmischten erwärmten Meeresluftmasse (T850 hPa postfrontal
zwischen 0 Grad im Nordwesten und 5 Grad an den Alpen) liegen die Höchstwerte
meist zwischen 10 und 15 Grad, im Südwesten auch darüber.

In der Nacht zum Donnerstag zieht der Kurzwellentrog über Nordwestdeutschland
rasch nordostwärts ab, gefolgt von einem etwas breiter angelegten Trog, der in
der zweiten Nachthälfte auf den Westen des Vorhersagegebietes übergreift.
Trogvorderseitig ist aufgrund von PVA auch verstärkt dynamische Hebung im Spiel
und in Verbindung mit einem durchschwenkenden, dem Höhentrog unmittelbar
vorgeschaltetem Bodentrog gibt es von West nach Ost recht verbreitet
schauerartige Regenfälle, wobei in einigen Staulagen auch mehr als 10 mm in 12
Stunden fallen könnten, zumindest nach Lesart des IFS. Vor allem im Norden,
eventuell auch in den mittleren Landesteilen ist die Luftmasse hinreichend labil
geschichtet, so dass es auch für kurze Gewitter reichen könnte.
Der Wind weht vor allem mit Durchschwenken des Bodentroges lebhaft aus Südwest
bis West. In den Niederungen reicht es aber wohl meist nur in Verbindung mit
Schauern für einzelne steife Böen. An den Küsten gibt es dagegen verbreiteter
steife, über der Nordsee vorübergehend auch stürmische Böen. In den Gipfellagen
der Mittelgebirge muss mit stürmischen Böen bzw. Sturmböen gerechnet werden, auf
exponierten Gipfeln (Brocken) vorübergehend auch mit schweren Sturmböen.
Trotz Zufuhr etwas kühlerer Meeresluft (-1 bis +3 Grad in 850 hPa) bleibt es bei
vielerorts dichter Bewölkung und lebhaftem Wind mit Tiefstwerten zwischen 10 und
5 Grad verhältnismäßig mild.

Donnerstag... schwenkt der Höhentrog rasch über das Vorhersagegebiet hinweg
ostwärts. Mittlerweile verlagert sich an der Südflanke des sein Drehzentrum
wieder Richtung Westen, in das Seegebiet südwestlich Islands zurückversetzenden
Zentraltiefs eine breit angelegte Warmfrontwelle über den nahen Ostatlantik nach
Schottland. Auf deren Vorderseite führt kräftige WLA zu starkem
Geopotenzialgewinn im Bereich der Britischen Inseln und der Nordsee.
Der Bodentrog inklusive Schauer, nach Nordosten zu anfangs auch noch kurzen
Gewittern zieht rasch ostwärts ab. Die Warmfront der Welle erreicht abends die
mittlere Nordsee, bereits weit im Vorfeld macht sich die kräftige WLA in Form
von Regenfällen teils auch mäßiger Intensität bemerkbar, die ab den
Mittagsstunden auf den Westen Deutschlands übergreifen und bis zum Abend die
mittleren und südlichen, zumindest auch die südwestlichen Landesteile erfassen.
ICON-EU simuliert dabei in den Staulagen vom Bergischen Land, Südschwarzwald und
Oberallgäu bereits mehr als 15 mm in 6 bis 10 Stunden, GFS und IFS zumindest im
Oberallgäu ähnliche Mengen. Im Osten und Nordosten bleibt es dagegen nach Abzug
der Schauer noch meist trocken.
Der Gradient fächert nach Abzug des Bodentroges zwar vorübergehend etwas auf,
tagesgangunterstützt frischt der Wind aber trotzdem vor allem im Norden und in
der Mitte aus West bis Südwest auf. Somit reicht es in den Niederungen zumindest
in freien Lagen - außer in Süddeutschland - vielerorts für steife Böen, an den
Küsten für stürmische Böen. In den Kamm- und Gipfellagen der Mittelgebirge und
wohl zunehmend auch der Alpen gibt es stürmische Böen, exponiert Sturmböen, auf
dem Brocken schwere Sturmböen. Im Vorfeld der Warmfront nimmt der Wind dann
allerdings am Nachmittag und Abend von Westen her vorübergehend etwas ab.
Während es im Westen und Süden stark bewölkt bis bedeckt bleibt, lockern die
Wolken nach Nordosten zu zeitweise auf. Dabei ändert sich an den Höchstwerten
gegenüber dem Vortag nur wenig.

In der Nacht zum Freitag wölbt sich aufgrund kräftiger WLA ein Höhenrücken über
der Nordsee auf, so dass die Höhenströmung über dem Vorhersagegebiet auf
Nordwest dreht und leicht antizyklonal konturiert ist. Dabei verstärken sich die
WLA- induzierten Hebungsprozesse vor allem im Vorfeld der langsam über das
Vorhersagegebiet hinweg ostwärts schwenkenden Warmfront und die bis zur zweiten
Nachthälfte auch auf die gesamte Osthälfte übergreifenden Regenfälle
intensivieren sich noch etwas. Vor allem in den Staulagen zunächst der
westlichen, später der zentralen und ostbayerischen Mittelgebirge können die
Warnschwellen für Dauerregen (mehr als 25 mm in 12 Stunden) gerissen werden,
ICON-EU hat im Harzstau sogar mehr als 40 mm auf der Agenda. IFS, vor allem aber
GFS simulieren dagegen deutlich geringere Mengen, so dass die Entwicklung im
Detail noch mit einem Fragezeichen versehen ist.
Nach Warmfrontpassage klingen die Regenfälle im Westen und Südwesten im Laufe
der Nacht wieder ab.
Im Warmsektor verschärft sich der Gradient im Westen und Süden im Laufe der
Nacht erneut, was sich aber in den Niederungen angesichts der stabilen
Schichtung nur in freien Lagen bzw. im Lee einzelner Mittelgebirge anhand
steifer Böen aus West bis Südwest bemerkbar machen dürfte. In den Kamm- und
Gipfellagen der Mittelgebirge gibt es aber weiterhin stürmische Böen oder
Sturmböen, auf exponierten Gipfeln schwere Sturmböen aus West. An den Küsten
nimmt der Wind generell ab, lediglich im Nordseeumfeld reicht es noch für steife
Böen.
Die Nacht verläuft allgemein recht mild mit Tiefstwerten zwischen 6 Grad im
Südosten und 11 Grad im Westen.



Modellvergleich und -einschätzung
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Alle vorliegenden Modelle haben eine sehr ähnliche Wetter- und vor allem auch
Windentwicklung auf der Agenda. Erst ab Donnerstagnachmittag gibt es in erster
Linie bzgl. der simulierten Niederschlagsmengen kleinere Differenzen, da die
Warmfrontpassage nach Lesart des GFS in einem insgesamt etwas antizyklonaleren
Umfeld stattfindet.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Winninghoff
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