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Thema des Tages

24-10-2020 08:20

Das Vb-Tief - Teil 1: Großwetterlagen, Definition und Geschichte

Heute widmen wir uns dem sogenannten "Vb-Tief" bzw. der
"Vb-Wetterlage", eine für Mitteleuropa brisante Druckkonstellation
mit hohem Unwetterpotential. Sie erfahren, auf welcher besonderen
Bahn dieses Tief verläuft und durch wen es seinen speziellen Namen
bekam.

Sind Sie ein Hobbymeteorologe oder begeistern sich einfach für die
Vielseitigkeit des Wetters? Dann haben Sie vielleicht schon einmal
vom "Vb-Tief" (sprich: Fünf-B) oder der "Vb-Wetterlage" gehört. Falls
nicht, dann erfahren Sie heute und in einem weiteren Tagesthema, was
es damit auf sich hat und welch brisante Wettererscheinungen und
Auswirkungen diese besondere Wetterlage für Mitteleuropa nach sich
ziehen kann. Doch dazu später mehr.

Zunächst werfen wir einen Blick auf die Geschichte der
Großwetterlagen. Auch heute noch werden vom Deutschen Wetterdienst
die aktuellen Druckverteilungen und die daraus resultierenden
Luftströmungen sogenannten Großwetterlagen zugeordnet. Diese sind
definiert durch die mittlere Luftdruckverteilung in Meereshöhe und
der mittleren Troposphäre (ca. 5 km über Meeresniveau) in einem
großen Gebiet (z.B. Europa plus Teile des Nordatlantiks) über eine
Dauer von mehreren Tagen. Sie bestimmen je nach Jahreszeit den
wesentlichen Charakter eines Witterungsabschnittes. Die Einteilung
geht auf den "Katalog der Großwetterlagen Europas" von Paul Hess und
Helmut Brezowsky aus dem Jahre 1952 zurück, in dem 29 Großwetterlagen
definiert wurden. Deren Name leitet sich entweder von der Lage der
steuernden Druckgebilde ab (z.B. "Hoch Britische Inseln") oder von
den vorherrschenden Strömungsverhältnissen inklusive der Information,
ob eher hoher (antizyklonal) oder tiefer Luftdruck (zyklonal)
wetterbestimmend ist. Beispielsweise gelangt bei der Wetterlage
"Westlage zyklonal" die Luft aus Westen zu uns und der Einfluss der
Tiefs im Norden ist stärker als der des Hochs im Süden. Wechselhaftes
und teils windiges Wetter sind die Folge.

Bereits im Jahre 1891 - noch lange vor Hess und Brezowsky - machte
der deutsche Meteorologe Wilhelm Jacob van Bebber die Beobachtung,
dass Tiefdruckgebiete über dem Nordatlantik und Europa typische
wiederkehrende Zugstraßen verfolgen. Er nummerierte diese mit den
römischen Zahlen I bis V inklusive Untergruppen (a-d), siehe
Abbildung. Heutzutage ist in der Meteorologie hauptsächlich noch die
Vb-Wetterlage geläufig. Das liegt an den oft heftigen
Wettererscheinungen, die auf diese besondere Tief-Zugbahn
zurückzuführen sind. Zudem wird das Vb-Tief durch klassische
Großwetterlagen nur unzureichend beschrieben.

Doch wie kommt es zum Vb-Tief? Voraussetzung für seine Entstehung ist
ein in höheren Atmosphärenschichten ausgeprägter Trog (siehe Thema
des Tages vom 5. September) über West- und Mitteleuropa, der weit
nach Süden bis ins westliche und zentrale Mittelmeer oder sogar bis
nach Nordafrika vorstößt. An seiner Westseite gelangt Polarluft in
den Mittelmeerraum. Dieser Kaltluftvorstoß sorgt in Verbindung mit
dem warmen Mittelmeer am Boden für die Entstehung eines Tiefs über
dem Golf von Genua, Oberitalien oder der Adria. Je nach Höhenströmung
verlagert sich dieses Tief entweder nach Südosten (Vd-Zugbahn), über
den Balkan ostwärts (Vc-Zugbahn) oder nach Nordosten (Vb-Zugbahn).
Vor allem ein über der Adria entstandenes Tief verfolgt häufig eine
Vb-Zugbahn, macht sich also von dort in einem breiten Bogen über
Österreich und Ungarn auf dem Weg nach Tschechien und Polen und zieht
(meist unter Abschwächung) weiter nach Skandinavien oder ins
Baltikum. Vb-Lagen entwickeln sich bevorzugt im Frühling und Herbst,
treten aber prinzipiell zu allen Jahreszeiten auf. Sie werden nur an
wenigen Tagen im Jahr beobachtet (Jährlichkeit: ca. 2,3).

Das gefährliche an der Vb-Wetterlage ist, dass das Tief über dem
Mittelmeer gewaltige Mengen feuchtwarme Luft "tankt" und nach
Mitteleuropa schaufelt, wo diese auf die dort befindliche kältere
Luft aufgleitet und somit gehoben wird. Der hohe Wassergehalt der
Mittelmeerluft löst über dem östlichen Mitteleuropa und je nach
genauer Zugbahn über Ostdeutschland und/oder Ostbayern im
Sommerhalbjahr langanhaltenden und mitunter intensiven Dauerregen
aus, der sich durch Staueffekte im Umfeld der Mittelgebirge und
nördlich der Alpen zusätzlich verstärkt. Im Winter hingegen wird ein
Vb-Tief zum Schneebringer.

Die schlimmsten Auswirkungen der jüngeren Geschichte, die auf
Vb-Tiefs zurückzuführen sind, waren das Oderhochwasser im Jahr 1997
und das Augusthochwasser an Elbe und Donau im Jahr 2002. Die nicht
mehr ganz jungen Leserinnen und Leser unter Ihnen erinnern sich
bestimmt noch an die Dammbrüche an der Elbe mit verheerenden
Überschwemmungen. Oder Sie erinnern sich vielleicht an die politische
Tragweite dieser Naturkatastrophe? Als "Krisenmanager in
Gummistiefeln" profitierte Gerhard Schröder maßgeblich von den
Auswirkungen des Vb-Tiefs. Er gewann wenige Wochen später die
Bundestagswahl gegen den Kontrahenten Edmund Stoiber und ging so in
seine zweite Amtszeit.

Weniger geschichtsträchtig und verheerend war Tief GISELA, das Mitte
dieses Monats auf einer Vb-Zugbahn nach Polen zog. Im zweiten Teil
analysieren wir an diesem Beispiel die typischen Eigenschaften und
Auswirkungen einer Vb-Wetterlage.


Dr. rer. nat. Markus Übel (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.10.2020

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst
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