DWD Synoptische

21-04-2017 11:00
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Freitag, den 21.04.2017 um 10.30 UTC



Weiterhin unbeständig und eher zu kühl. Im Süden und Südosten aufkommender
Dauerniederschlag, im Bergland als Schnee.
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Synoptische Entwicklung bis zum Freitag, den 28.04.2017


Vor dem Hintergrund der in den vergangenen Tagen markant auftretenden
spätwinterlichen Witterung und der Tatsache, dass der Wechsel in den
vermeintlichen Wonnemonat Mai nicht mehr fern ist, treibt die meisten von uns
mittelfristig eigentlich nur eine Frage um: "Wann wird´s (mal wieder) - nein,
nicht Rudi Carrells Sommer, so weit sim mer noch net - richtig Frühling?" Nun,
um es vorweg zu nehmen, die Hinweise unserer allseits geliebten Computermodelle
sind alles andere als ermutigend, was übrigens nicht nur auf die in der Folge
beschriebene Entwicklung des IFS von ECMF zutrifft, sondern auch auf andere für
gewöhnlich betrachte Globalmodelle. Dabei versprüht der Wochenstart so etwas wie
zaghafte Hoffnung, die nachfolgend von der Natur aber wieder gnadenlos zerstört
wird.

Zu den Details: Am Montag befindet sich Deutschland zwischen einem ostwärts
abziehenden Höhentrog und einem neuen, sich von Europäischen Nordmeer
süd-südwestwärts ausweitenden Trog. Folgerichtig dreht die Strömung
gesamttroposphärisch von NW über W auf SW, am Boden ageostrophisch z.T. sogar
auf südliche Richtungen zurück. Dadurch wird die am Wochenende eingeflossene
maritim-polare Luftmasse verdrängt und durch mildere Luft ersetzt. Im Süden
steigt die 850-hPa-Temperatur bis zum Tagesende bei leichtem
Zwischenhocheinfluss auf über +5°C, in Südbaden und dem Alpenvorland sogar bis
zu 9°C. Nach Norden hin wird es nicht ganz so mild, zudem bleibt es dort auch
wechselhafter, was einem zum Mittagstermin im Bereich Skagerrak gelegenen Tiefs
geschuldet ist.
Am Dienstag zieht dieses Tief unter leichter Intensivierung Richtung Bottenbusen
(geografisch korrekt Bottnischer Meerbusen), während sich der Höhentrog weiter
bis zur Biscaya ausweitet. Er weist eine deutlich positive, also nach SW
gerichtete Achsstellung auf, wodurch bei uns die Höhenströmung noch etwas
aufsteilt. Darunter greift von NW her eine schleifende und zur Wellenbildung
neigende Kaltfront auf den Vorhersageraum über, die zu dem o.e. Bodentief
gehört. Sie arbeitet sich aufgrund ihrer strömungsparallelen Exposition nur
langsam aber sicher und zuverlässig süd-südostwärts über Deutschland voran und
erreicht am Mittwoch den S und SO des Landes. Rückseitig gelangt abermals ein
Schwall maritimer Polarluft zu uns, in der die 850-hPa-Temperatur auf unter 0°C,
im äußersten NW auf rund -5°C sinkt. An den Alpen erfolgt die Abkühlung auf 0°C
oder etwas darunter allerdings erst in der Nacht zum Donnerstag.
Bis zum Freitag greift der weiterhin nach SW zurückhängende Trog mehr und mehr
auf Deutschland über, wobei er aber an Kontur verliert bei gleichzeitiger
Verkürzung seiner Wellenlänge. Vor allem der N und W kommen vorübergehend in den
"Genuss" höhenkalter Luft (T500hPa um oder leicht unter -30°C), so dass der
wechselhafte Wettercharakter trotz eines sich vom Atlantik bis nach Mitteleuropa
vorschiebenden Bodenhochkeils erhalten bleibt. Im S und SO kommt die schleifende
Kaltfront nur äußerst schleppend südostwärts voran, was dort (besonders im S und
SO Bayerns) eine mehrtägige Dauerniederschlagslage zur Folge hat. Ob dabei
Warnschwellen für Dauerregen (24-, 48- oder gar 72-stündig) ist zwar noch nicht
sicher, auf Basis des operationellen Laufs besonders in Alpennähe aber gut
möglich. Apropos Alpen, dort sinkt die Schneefallgrenze im Zuge leichter KLA,
aber auch starker Niederschlagsabkühlung ab, wobei aus heutiger Sicht freilich
noch nicht prognostizierbar ist, ob bis 1000, 800 oder gar 600 m. Wie auch
immer, in höheren Lagen jedenfalls zeichnet sich abermals ein veritabler
Neuschneezuwachs ab.
Bliebe noch ein zaghafter Blick in die erweiterte Mittelfrist (langes Wochenende
mit evtl. Tanz in den Mai). Der Rest des o.e. Troges zieht zwar nach Osten ab,
es folgt aber von der Nordsee rasch ein weiterer nach, der sich über
Mitteleuropa respektive Deutschland amplifiziert und über die Alpen südwärts
ausweitet - richtiger Frühling sieht anders aus. Zeit also, die Sache mal etwas
euphemistischer zu betrachten: die -5°C-Isotherme in 850 hPa zieht sich nach
Norden zurück, so dass es nicht mehr ganz so kalt wird. Immerhin ein Anfang...

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Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs


Bezüglich der Wetterentwicklung in der kommenden Woche zeigt das IFS-Modell der
"Europäer" eine brauchbare, vor allem in ihren Kernaussagen weitgehend
übereinstimmende Konsistenz, auch wenn es im Detail natürlich Unterschiede gibt.
Demnach müssen wir uns auch in den letzten Tagen dieses doch so launischen
Aprils auf unbeständiges und vergleichsweise kühles Wetter einstellen - auch
wenn es zum Wochenstart temperaturmäßig mal kurzfristig etwas nach oben geht und
besonders im Süden und Südwesten ein Hauch von Frühling (falsche) Hoffnungen
weckt. Die darauf folgende Kaltfront wird vom aktuellen 00-UTC-Lauf gegenüber
seinen Vorgängern zwar etwas gebremst, kommt letztlich aber doch im S bzw. SO
an. Vom gestern für den übernächsten Sonntag simulierten Warmlufteinschub von
Osten her ist im heutigen 00-UTC-Lauf nichts mehr zu erkennen.

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Vergleich mit anderen globalen Modellen


Die großräumigen Grundmuster - im vorliegenden Fall betrifft das vor allem den
nach SW zurückhängenden und langsam auf den Vorhersageraum übergreifenden
Potenzialtrog nebst vorgelagerter schleifender Kaltfront - wird von den "Big
Five" (IFS_ECMF, ICON, UKMO, GFS, GEM) ähnlich gesehen. Der Hauptunterschied
liegt im Wesentlichen im Timing, wo besonders ICON, aber auch GFS etwas
schneller mit Trog- und Frontverlagerung agieren. ICON geht dabei in der zweiten
Wochenhälfte sogar in Richtung einer Vb-ähnlichen Lage und zapft zudem mehr
niedertroposphärische Kaltluft als die anderen Modelle an (-5°C-Isotherme in 850
hPa kommt weiter nach Süden voran). Dass sich die Niederschlagsprognosen
ebenfalls von Modell zu Modell unterscheiden, liegt in der Natur der Sache. Alle
Lösungen zeigen aber im S und SO ein (möglicherweise warnwürdiges) Maximum.
In der erweiterten Mittelfrist bleibt GFS bei wechselhaftem Wetter, während GEM,
man staune, mit südlicher bis südöstlicher Strömung in Richtung Frühling
tendiert.
FAZIT: Der Verlauf bis nächsten Freitag wird von der deterministischen Seite
ähnlich simuliert, substanziell von der oben beschriebenen Entwicklung
abweichende Szenarien sind nicht im Portfolio.
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Bewertung der Ensemblevorhersagen


Die Clusterung von ECMF-EPS zeigt für den Verlauf der kommenden Woche
(T+120...168h, Mittwoch bis Freitag) vier Cluster (18, 16, 15, 2 Fälle), von denen
die ersten drei Cluster (HL und KL in CL 3) eine ähnliche Entwicklung bringen.
Unterschiede betreffen im Wesentlichen das Timing und die Konfiguration des
Troges. CL 1 und 2 sind etwas schneller und lassen den Trog zum Ende hin
Richtung Italien abtropfen. Während die ersten drei Cluster dem Klimaregime
"Atlantischer Rücken" zugeordnet sind, stellt CL 4 eine Au0ßenseiterlösung dar
(NAO negativ).
Für den Zeitraum T+192...240h (Samstag bis Montag) werden fünf Cluster mit
verschiedenen Szenarien angeboten, die aber im Wesentlichen zyklonal geprägt
sind.
Die Rauchfahnen verschiedener deutscher Städte zeigen recht deutlich den
Kaltfrontdurchgang von Dienstag zu Mittwoch mit nachfolgendem Potenzialabfall,
wobei die meisten Ensemblelösungen schneller sind als der Haupt- und
Kontrolllauf. Deutlich erkennbar ist der ab Dienstag im Süden einsetzende und
zumindest bis Donnerstag andauernde Niederschlag, während weiter nördlich meist
nur ein Peak am Dienstag bzw. in der Nacht zum Mittwoch erkennbar ist. Bei
GFS-ENS sehen die Rauchfahnen übrigens sehr ähnlich aus.
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Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen


Zu Beginn des mittelfristigen Prognosezeitraums am kommenden Montag könnte es an
der See, im äußersten Norden sowie in einigen Hochlagen (vor allem auf dem
Brocken) noch für STURMBÖEN aus westlichen Richtungen reichen. Danach nimmt die
Wahrscheinlichkeit für stärkeren Wind sukzessive ab.

Dafür rückt der Parameter NIEDERSCHLAG mehr und mehr in den Fokus. Zwar halten
sich die probabilistischen Prognosetools, namentlich ECMF-EPS, mit ihrer
Signalstärke noch in Grenzen, gleichwohl deuten die Großwetterlage mit
schleifender Kaltfront, aber auch die deterministischen Vorhersagen auf die
Möglichkeit länger andauernder Regen- und Schneefälle im äußersten S und SO hin.
Vor allem am Alpenrand stehen am Mittwoch und Donnerstag, vielleicht aber auch
schon ab Dienstag und bis in den Freitag reichend, größere Summen an. Sollte
dabei die 850-hPa-Temperatur - wie vielfach gezeigt - auf etwas unter 0°C
sinken, wäre bei intensiver Niederschlagsintensität ein Absinken bis in die
Täler sehr gut vorstellbar. Wieviel Regen oder Schnee bis wohin tatsächlich
fallen werden, lässt sich aus heutiger Sicht natürlich noch nicht belastbar
sagen.

Dass auf der Rückseite der Front im Norden und im Westen eine kleine
Wahrscheinlichkeit für GEWITTER gegeben ist, fällt kaum ins Gewicht. Auch
präfrontal sind am Dienstag im Süden einzelne GEWITTER möglich.

Bliebe last but not least eine latente NACHTFROSTGEFAHR (Luft und Boden), die in
starkem Maße von der Bewölkung abhängt. Die Luftmasse als solche jedenfalls
lässt Nachttemperaturen um oder etwas unter dem Gefrierpunkt zu.
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Basis für Mittelfristvorhersage
ECMF-EPS mit MOS-Mix/MOS-ECMF.
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VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann